Vernissage am 10. Juni 2010
Ausstellung:
11. Juni - 17. Juli 2010

 

Scham – Lappen: Ein unverstellter Blick in die Zukunft

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Der Titel dieser Ausstellung mag irritieren, doch wer sich mit den „Scham-Lappen“
von Jürgen Vogdt auf sehr privater Ebene beschäftigt, wird schnell entdecken und
hoffentlich auch spüren, welche Bedeutung in naher Zukunft die „Scham“ haben
wird. Scham ist in diesen Lappen wie „sich schämen“ gemeint, nicht die „Scham“ als
das Objekt der Begierde. Wenn eines Tages die Welt vor Scham weint, wären dies die
richtigen, wenn auch etwas rauen Lappen, um diese Krokodilstränen aufzufangen
und in Kunst umzumünzen.
Vogdt strichelt nicht nur, er klotzt auch. Nicht im Sinne von „Ein grober Keil, ein grober
Klotz“, sondern mehr im Sinne einer „Renaissance der Sinnlichkeit“.
Die „Lappen“, die in jener Zeit entstanden sind, als Sinnlichkeit noch der Tod der Lust war.
Die Summe vieler emotionaler Verweigerungen befindet sich in diesen Scham-Lappen.
Allerdings nicht als Blutgerünste, nicht als Vortrag in pseudaler Freiheit, sondern als Abstraktion
mit fürchterlichen Erinnerungen. Mit fürchterlichen persönlichen wie emotionalen
Erinnerungen, die nicht die des Künstlers sind.
Es ist diese vermeintliche Oberfläche, die direkt und ohne Umwege die Sinnlichkeit erreicht;
es ist nicht der Wert der Farben Rot und Schwarz oder Braun und Rot. Diese Farben
sind im Werk des Künstlers nicht beliebig, sie dominieren es, doch sind sie, anders als in
den Talaren der Religionen, ohne historischen Wert und ohne jegliche Bedeutung; sie sind
ohne Bewusstsein, sind nicht mehr als einseitige, stringente Orientierung. Da der Künstler
generell keine Fragen zu seiner Kunst beantwortet, und wenn in seltenen Momenten doch,
sind die Antworten per se pornographisch, sie entbehren immer der gelebten Realität. Sie
sind folglich mitten im blutigen Geschäft. Dennoch lässt sich an diesen Scham-Lappen
nicht die geringste Auskunft festmachen. Je eindeutiger sie erscheinen, umso eindeutiger
scheint das eigene, meist verborgene Verlangen zu werden. Insbesondere das regelmäßig
verleugnete; oder das in fremden Armen gekaufte. Wer sich einlässt, hat die politische Motivation
zu beantworten.
Die Fransen in den Arbeiten, die zwangsläufig der Kunstgeschichte entronnen sind, sind
genauso falsch oder zumindest irritierend wie die vermeintliche Eindeutigkeit der Symbole.
Alles ist wie es ist; ein Kreuz ist heute nicht mehr das größtmögliche manipulierte Symbol
für opferbereite Hingabe; es ist, wenn es überhaupt je mehr sein sollte als ein grafisches
Element, das Kreuz gelebter Banalität. Selbst Kinder lachen laut und ohne Rücksicht
unter diesem geschnitzten Holz, trotz der drohend sakralen Vergewaltigung, natürlich a
tergo. Egal, in welcher Darstellung es, oder er auftritt, es ist das perfekte Symbol für die
lustvollste Erfindung aller Zeiten, der Sünde. Diese Abwege tun sich auf, wenn sich Erklärungs-
versuche zu diesen Arbeiten breit machen. Die Egomanie der Worte trifft auf lapidare
Lappen. Da bleibt tatsächlich der Schwanz im Halse stecken.
Wer sich mit Scham-Lappen schmückt, hat die kleine Chance, in Scham zu erblühen. Und
wer noch weiter gehen will, entfernt das störende Holz und wälzt sich als Leibhaftiger in
diesem Unrat. Dem Künstler wäre es bestimmt recht, wenn solche vermeintlichen Verletzungen
dann, möglichst öffentlich, mit Zinksalbe behandelt würden.
Franz Goldenberg